36 Grad und Reizüberflutung: Die Kunst, einfach nur zu sehen

Seit der ersten Hitzewelle habe ich das Gefühl, es passiert einfach nur noch alles – und so ist es doch irgendwie auch, oder? Trotz aller äußeren Umstände läuft unser Leben weiter und passt sich an, oft ohne dass wir es wirklich merken. Was mal undenkbar war, ist plötzlich Normalität. Ein bewusster Moment – und du realisierst, dass du dich zwar in einem neuen Set befindest, aber der Film noch immer derselbe ist.

Für genau diese Momente muss ich mir bewusst Zeit nehmen: innehalten und in dem ganzen Wahnsinn zu meinem Selbst finden. Das ist bei all den äußeren Einflüssen wirklich nicht einfach. Pausenlos versucht irgendetwas, deine Aufmerksamkeit zu gewinnen, und als Mensch mit ADHS ist es eine echte Herausforderung, diesen Versuchungen aus dem Weg zu gehen.

Weil das Außen eine so große Macht hat, ist es wichtiger denn je, sich in Achtsamkeit zu üben, um das Wichtige vom scheinbar Unwichtigen zu trennen. Mein stärkster Anker ist das Sehen – was für mich Fluch und Segen zugleich ist:

Auf der einen Seite reißen visuelle Reize meine Aufmerksamkeit ständig an sich. Dazu gehören nicht nur die schönen Dinge, sondern auch Monitore und Bildschirme aller Art. Hier die Waage zu finden, ist eine hohe Kunst (nicht umsonst nutze ich seit Anfang 2020 nur noch ein einfaches Klapphandy zum Telefonieren und SMS-Schreiben – unendlich befreiend!).

Auf der anderen Seite ist genau dieses Sehen mein Rettungsanker: im Zusammenspiel mit einer Kamera. Wenn ich durch den Sucher schaue, komme ich in einen Flow-Zustand. Es ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus der Technik in meiner Hand und meinem Sehen.

Dabei spielt die Kamera selbst eine spannende Rolle, denn jedes Modell vermittelt ein anderes Gefühl und verändert den Output: Ist die Kamera klein und kompakt, bin ich ungezwungener, spontaner und mache meistens mehr Fotos. Ist sie groß und professionell, drücke ich seltener ab, arbeite akkurater, aber eben auch nicht ganz so spontan.

Egal mit welchem Werkzeug: Beim Fotografieren kann ich mich einfach gehen lassen. Ich kann das, was wirklich ist – meine ganz persönliche, gelebte Realität –, in Bilder packen. Ich bin zu 100 % präsent, und plötzlich spielen all die lauten Dinge im Außen keine Rolle mehr. Genau das liebe ich.

Seit die Sonne uns in ihren Bann gezogen hat, habe ich in diesem Flow viele Fotos gemacht. Die folgenden Bilder sind an ganz unterschiedlichen Tagen und mit verschiedenen Kameras entstanden – ihr seht also buchstäblich, wie sich mein Flow und mein Blick durch die jeweilige Technik verändert haben.

Schön, dass du wieder da bist und dir die Zeit nimmst, meinen Beitrag zu lesen und meine Bilder anzuschauen!


Diese Fotos sind letzte Woche entstanden, als ich mit Sidney auf dem Fahrrad unterwegs war.

Ich hatte die Canon 5D Mark II dabei – eine meiner absoluten Lieblingskameras. Sie ist schwer, liegt gut in der Hand und hat noch einen echten Prismasucher. Das fühlt sich so an, als würdest du durch ein Fenster schauen – und das Tolle ist: Ich kann entscheiden, was ich dabei sehe! ;)

Die Fotos wurden mit einer relativ langen Verschlusszeit (zwischen 1/10 und 1/60 Sekunde) und einem 24mm 2.8 von Canon aufgenommen. Wir hatten richtig Spaß, auch wenn wir bei den Temperaturen beide ganz schön ins Schwitzen kamen.

Danke, Maus! <3


Jetzt, wo ich diese Fotos sehe und hochgeladen habe, erinnern sie mich irgendwie an einen Albtraum.

Ich hatte die Nikon Z30 mit einem „Disposable Camera Cookie“-Objektiv dabei. Das Objektiv wiegt vielleicht 30 Gramm und die Linse ist aus einfachem Plastik – sie soll den Look einer alten Einweg-Kamera imitieren. Gepart mit einer spiegellosen APS-C-Kamera und einem Blitz kann man damit richtig kreative Aufnahmen gestalten.

Ich finde, die Fotos haben etwas sehr Nostalgisches und Träumerisches, gerade weil das Objektiv keine wirkliche Schärfe besitzt. Hier merkt man besonders gut: Wenn keine Erwartungen an den Output gestellt werden, ist die Kreativität gleich viel freier.


Zum Abschluss nehme ich euch noch mit an einen ganz besonderen Ort: den Friedhof St. Peter.

Ein Ort, der einfach zauberhaft ist. Man fühlt sich sofort in eine andere Zeit versetzt – keine störenden Straßenschilder, keine betonierten Wege oder andere moderne, hässliche Ablenkungen.

An diesem Ort kann ich einfach ein bisschen verweilen, die absolute Ruhe genießen und gleichzeitig immer wieder schöne Fotos machen. Ich hatte wieder die kleine Nikon Z30 dabei, dieses Mal aber mit einem manuellen 23 mm f/1.4 Objektiv von TTartisan. Das manuelle Fokussieren zwingt einen noch ein bisschen mehr dazu, wirklich im Moment zu sein.

 Falls ihr noch mehr so tolle, ruhige Orte kennt, lasst es mich gerne unten in den Kommentaren wissen! :)

 

 

 

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